Perspektivenwechsel! Gehen wo der Adler fliegt!

Wann hast du dich zum letzten Mal so richtig lebendig gefühlt? Bist an deine Grenzen gestoßen und hast sie doch überschritten?
Zaghaft und mit zitternden Knien! Der erste Schritt, der zweite und dritte. Zack!!!

Frei fühlen wie ein Adler und die Welt aus seiner Perspektive zu sehen.
Nur Paragliden wäre schöner, wenn ich nicht solche Angst davor hätte. Ich habe meine Beine benutzt und bin trotzdem abgehoben!

Der pure Höhenflug!

Ich durfte meinen Flug im Sommer 2016 genießen als ich das Vergnügen hatte in einem kleinen Tourismusbetrieb in Osttirol als Volunteer arbeiten zu dürfen. Knapp vier Wochen habe ich am Fuße eines Ausläufers der Majestät, dem Großglockner, auf 1.800 Metern meinen Sommer verbracht. Ein wunderbares Arbeitsgefühl.

Das Haus immer voller Gäste und dann waren sie da. 2 Tage sturmfreie Bude! Keine Gäste und eine kurze Verschnaufpause in Sicht. Doch das Gegenteil ist eingetroffen. Während dieser Zeit blieb mir nach einem ganz besonderen Erlebnis schlichtweg der Atem weg.

„Hey, wir brechen morgen zu einer Hüttenwanderung auf. Komm doch einfach mit! Pack einfach deine Sachen für eine Hüttennächtigung ein!“
Das war eine Ansage und ohne Zögern war ich dabei.

Nicht wissen wohin, keine Ahnung von der Strecke und Schwierigkeitsgrad. Ich wusste nur, es erwarten mich die mächtigen 3000er. Stolze Giganten die ich unter mir spüren wollte. Als absoluter Anfänger war ich über meine spontane Reaktion selbst überrascht!

Die Majestät, der Großglockner. Die ersten Meter unserer Hüttentour.

Meine nicht ganz 100 prozentige Schwindelfreiheit, die Angst vor einem plötzlich auftauchendem Berggrat oder eventuelle Kletterpassagen habe ich ganz hinten angestellt.

Mein Vertrauen in meine Begleiter war groß und die Lust am Abenteuer fast noch größer.

Hoch, höher und immer höher ging es auf schmalen Höhenwegen entlang. Jeder Schritt forderte vollste Konzentration von mir. Es konnte tatsächlich dein letzter sein.

Eingelullt vom satten Grün und dem Geruch von Freiheit. Es schien, als wenn die Sorgen unten im Tal geblieben wären und Höhenangst hätten. Die Stille wurde immer durchdringlicher.

Vom satten Grün in die graue Stille.

Das Grün wechselte in graue Felsformationen ohne scheinbarem Leben und dicke Nebelschwaden zogen über unsere Köpfe hinweg. Es war kein Laut zu hören. Nichts schien lebendig zu sein. Nur der Wind pfiff über die Gipfel hinweg.

Ich kam mir vor wie in einem Film. Einfach unreal und doch so wunderschön.

Und da war er! Der Moment, wenn die Knie nachlassen und dein Herz bis zum Hals schlägt.
Eine für mich riesige Wand baute sich vor uns auf.  Ich habe gelernt, dass es sich um eine Scharte gehandelt hat, ein Grateinschnitt im Berg.

Wanderer die es vorgezogen hatten wieder umzukehren riefen uns zu: „Besser nicht weitergehen! Der schmale Steig ist zwar mit Seilen gesichert, aber es gibt Schneefelder und kein Sichtfeld. Es ist uns zu gefährlich. Wir kehren um.“

Ganz klar, meine Knie haben diese Aussage mit Angst und Gefahr verbunden. Nicht wissen wie der Weg weitergeht, überall Nebel. Alle kehren um. Auch ich wollte das unbedingt.
In meinen Vorstellungen sah ich einen Abgrund von zig Tausend Metern.

Die für mich so bedrohliche, aber wunderschöne Scharte.

Es klang gefährlich für mich, als meine Begleiter mir gut zureden wollten es zu versuchen. Ausschlaggebend waren in diesem Moment die Worte: „Yvonne, es sind deren Grenzen. Du musst sie nicht zu deinen machen!“

Das waren Zauberworte in meinen Ohren!

Zwei Vertraute vor mir, einer hinter mir. Motivierende Zusprüche und sehr viel Geduld haben sie mit mir aufgebracht. Jeder meiner Schritte dauerte eine gefühlte Ewigkeit.
Nur nicht runtersehen! Das sind zig Tausende Meter. Das war meine Wahrnehmung zu diesem Zeitpunkt. Und nicht ganz falsch!
Vorstellungen von Bergrettern und Hubschraubern bohrten sich in mein Gehirn. Aber umkehren kam für mich nicht in Frage.

Und jetzt wird es wirklich kitschig!

Noch schweißgebadet mit dem schmalen Steig kämpfend, in der Hoffnung er möge doch endlich enden, der Lichtblick! Und was für ein atemberaubender Anblick!
Plötzlich sah ich Sonnenstrahlen durch den Nebel brechen, Teile eines blauen Himmels und einen mächtigen schneebedeckten 3000er vor mir auftauchen. Der große Muntanitz!
Ein Berg mit einer Höhe von 3232 m ü. A und liegt in der Granatspitzgruppe der Hohen Tauern in Österreich.

Wenn ich diesen Augenblick als magisch bezeichnen würde, wäre es untertrieben. Ich war überwältigt von diesem Anblick, hatte Gänsehaut und stieß ein lautes „Danke“ aus. Ich verspürte eine tiefe Dankbarkeit für diese Belohnung und für meine Begleiter die mich so ermutigt hatten. Nicht zuletzt auch an mich. Ich habe es gewagt und meine geglaubten Grenzen überschritten.

Von diesem Moment gibt es aus Sicherheitsgründen keine Fotos! Diese Eindrücke bleiben in meinem Kopf und hätten die Gefühle und den Anblick in keinster Weise widerspiegeln können. Die Schärfe hätte ebenso darunter gelitten, da meine Hände und Knie immer noch zitterten. Aber diesmal aus Freude und Glück!

„Siehst du die Hütte? Ein paar Schritte noch über den Steig und du hast es geschafft!“

Angekommen. Im wahrsten Sinne des Wortes! Die Sudetendeutsche Hütte in Sicht!

Das war mein Moment!
Grenzen überschreiten, Vertrauen zu fassen in mich und die anderen.
Und der Beginn meiner großen Liebe zu den Bergen!

Mir war zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, dass ich fast 2 Etappen am berühmten Adlerweg in Tirol bestritten hatte. Und Adler gibt es hier! Auch sie waren Begleiter dieser Tour. Diese lautlosen und stolzen Jäger haben uns wortwörtlich die Sprache verschlagen.

Der pure Höhenflug!

 

Kennst du dieses Herzflattern und Adrenalinstoß? Ich freue mich, wenn du mir von deinem Moment im Kommentarfeld berichtest.

Der Adlerweg verläuft mit seinen 370 km in mehreren Etappen von St. Johann in Tirol bis St. Anton am Arlberg in Vorarlberg. Er gilt auch als der Hauptwanderweg in Tirol.
Über den Routenverlauf und die Geschichte dieses beeindruckenden Weitwanderweges könnt ihr hier nachlesen: Adlerweg

Gegangen ist ihn auch schon Fabian von A Boy on Adventures und hat einige Tipps dafür parat: 15 Tipps für den Adlerweg

 

2 Antworten auf „Perspektivenwechsel! Gehen wo der Adler fliegt!“

  1. Hallo Yvonne,

    Wunderschön geschrieben und herzlichen Dank, dass ich diese Tour über diesen Post noch einmal rück-erleben darf! Es waren ein paar super Tage!

    Liebe Grüsse, Hubert

    PS: mach weiter so!

  2. Danke lieber Hubert für die netten Zeilen. Vorallem habe ich diesen Flug euch zu verdanken! Durch die Mitnahme auf die Tour und eure fabelhafte Begleitung und Unterstützung. Hat riesen Spaß gemacht!

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